Diskussion: Zu viel Geld in falschen Händen

Das 20. Jahrhundert war nicht das Jahrhundert des Städtebaus. Jedes Jahrhundert vorher hat seine eigenen spezifischen Städte hervorgebracht, die heute immer noch gern besucht und bewohnt werden. Wo sind solche Städte des 20. Jahrhunderts? Brasilia? Marzahn? La Défense? München-Perlach? Die Polizeistädte New York oder Hongkong? Überzeugendes Neues ist allenfalls dort entstanden, wo es in das Alte verwoben wurde: in Amsterdam, Berlin-Mitte, in den Dock- und Speichervierteln der Hafenstädte.

Diskussion: Zu viel Geld in falschen Händen
© Tim Griffith

Wie kommt das? Die Antwort ist sehr einfach. In den Industrieländern werden überhaupt keine Neubaustädte mehr gebraucht. All die Brach- und Konversionsflächen innerhalb der bestehenden Siedlungsgebiete übersteigen zusammen den Flächenbedarf der Neubauten von Jahrzehnten. Und weil wir überhaupt keine Neubaustädte auf der grünen Wiese mehr brauchen können, können sie uns auch kaum überzeugend gelingen.

Weshalb werden dann aber trotzdem pausenlos welche gebaut? Hauptsächlich aus religiösen Gründen. Denn die Religion unserer Zeit heißt Wirtschaft. Wie früher die Kirche stellt sie die Gurus, die Lebensregeln, die höchsten Gebäude und erzwingt den Kotau der Politik. Davos statt Canossa.

Städtebau war immer Abbild der politischen Verhältnisse und das heißt heute: des Primats der Wirtschaft. Der Funktionalismus war die Einführung der Betriebswirtschaft in Architektur und Städtebau: Wegstapeln von Menschen nach betriebswirtschaftlichem Kalkül, Konkurrenzprinzip, abstraktes Funktionieren in fremdbestimmter Arbeit, Arbeitsteilung, Funktionstrennung, Einzelkiste.

Schon das Konkurrenzprinzip ist das Gegenteil von Städtebau. Städtebau wäre seinem Wesen nach solidarische Gemeinschaftsanstrengung, unauffällige Einordnung, gegenseitige Rücksichtnahme. An deren Stelle tritt heute die punktuelle Konkurrenz, die möglichst bezugslose Selbstdarstellung, der Eigenerfolg auf Fremdkosten bis hin zur möglichst wirksamen Beschädigung des jeweils anderen. Einzelkiste heißt auch: Aufgabe aller konsekutiven, prozesshaften Planung, allen Wachsens. Aus volkswirtschaftlicher und sozialer Gesamtanstrengung wird die bloße Summe betriebswirtschaftlicher Einzelanstrengungen, aus der Organisation von komplexen, multifunktionalen Gebäudemehrzahlen die bloße Addition von Unikaten und freistehenden Sechsflächenkisten. Aus Städtebau wird Aufzählung, Aufreihung, Lageristendenken.

Nie zuvor in der Geschichte war Städtebau die bloße Addition von freistehenden Einzelgebäuden. Immer war er die komplexe Organisation aus Gebäudemehrzahlen. Das Einzelgebäude war dem Wahrzeichen vorbehalten, dem Logo. Und davon vertrug jede Stadt bloß ein oder zwei. Heute dagegen sind zumindest die Citys regelrechte Wahrzeichensalate. Highlightopolis statt solidarischer Einordnung. Alles auf Kosten der Arbeitslosen, Obdachlosen, Alleinerziehenden, Rentner und der dritten Welt.

Das Konkurrenzprinzip des Solitärs, des freistehenden Einzelgebäudes, kommt dem PR-Interesse und wohl auch oft der Eitelkeit des Architekten entgegen. Der »freie« Architekt baut »frei«stehende Kisten in die »freie« Landschaft. Anstatt sich unauffällig in vorgefundene städtebauliche Zusammenhänge einzuordnen (Beispiel: Champs Elysées), unterwirft er sich lieber den Mechanismen der Ökonomie und des Zeitgeistes und stilisiert dann diese Unterwerfung flugs zur Sensibilität gegenüber Vorgefundenem. Die meisten Architekten waren immer Systemkavaliere. Die Abhängigkeit vom Auftraggeber ließ ihnen meist gar nichts anderes übrig.

Das Konkurrenzprinzip führt zuerst einmal in die Entmischung. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten nach der Charta von Athen schuf die drei monofunktionalistischen Städtebautypologien: City, Gewerbegebiet und Schlafstadt (einschließlich Einfamilienhausgebiete).

Das rein betriebswirtschaftliche Verständnis der zunehmend spezialisierten und fremdbestimmten Arbeit bedeutete aber nicht nur Funktionstrennung, sondern auch Trennung von den eigentlichen Lebensäußerungen. Das Leben findet nach Feierabend statt. Es müsste eigentlich das Ziel von Politik und Städtebau sein, diese Funktionstrennung aufzuheben und selbstbestimmte Lebensäußerungen wieder zum Bestandteil der Arbeit zu machen. Der Funktionalismus machte genau das Umgekehrte: Er dehnte die funktionalistischen betriebswirtschaftlichen Kategorien der Arbeit auch auf jene Bereiche des Lebens aus, die bisher von ihnen verschont worden waren. Selbst das Kochen zu Hause wurde zum durchrationalisierten Produktionsvorgang. Einzelne populistische Versuche, Lebensäußerungen doch wieder zum Bestandteil von Architektur und Städtebau zu machen, ohne das verursachende ökonomische System zu ändern, mussten zwangsläufig im Kitsch enden (Heller, Hundertwasser).

Weder die punktuelle architektonische PR-Sensation an jeder Ecke noch das bloße funktionale Wegstapeln erhöhen aber die globale Unverwechselbarkeit. So wie Politik und Volkswirtschaft sich auflösen zu Gunsten des globalen Gemischs aus betriebswirtschaftlichen Einzelentscheidungen, löst sich der Städtebau auf zu Gunsten eines weltweiten Einheitsgemischs aus monofunktionalen Unikaten.

Und wie immer dienert die Theorie dieser Auflösung eilfertig hinterher: »Funktionstrennung«, »Chaos-Stadt«, »Zwischenstadt«, »fraktale Ränder«, »Para-Ästhetik«, »Aufgabe des heroischen Ganzheitsanspruchs« usw.

Diese Auflösung wird heute noch beschleunigt durch die Zentrifugalwirkung des exponentiellen Geldsystems: Motor der Wirtschaft ist längst nicht mehr tatsächlicher Bedarf, sondern nur noch die leistungslose, exponentielle Vermehrung der privaten Geldvermögen: 1,5 Milliarden leistungsloser Zinsen täglich allein in Deutschland. Neun Billionen Mark Geldvermögen, sieben davon in privaten Händen, 3,5 bei zehn Prozent der Bevölkerung. Bei der heutigen Verzinsung verdoppeln sich diese Überschüsse alle 14 Jahre. Im gleichen Tempo verdoppeln sich die Schulden der anderen. Beide müssen ständig bedient werden: mit Rentenbeiträgen, Rentenkürzungen, Zinsen, Preisen und mit immer unsinnigerer, immer schlechter bezahlter Arbeit.

Im Städtebau bedeutet das: zunehmende öffentliche Verschuldung, zunehmende Herrschaft der »Großinvestoren«, Herrschaft der Banken über den Städtebau, Herrschaft der Mega-Projekte aus kurzlebigem Amortisationsschrott, schwachsinnige Entertainment-Projekte, mit denen man dann den schlecht bezahlten Arbeitenden die letzten verbliebenen Groschen aus der Tasche zu ziehen sucht. Städtebau der Angebotstheoretiker: Höhere Verbrauchsfrequenz statt Lebensdauer. Nach 15 Jahren legt man eine gezielte Pleite hin, zieht weiter und hinterlässt dem Steuerzahler eine so genannte »Konversionsfläche«. Das beflissene Hinterherdienern hinter diesem Städtebauschrott mit Steuermitteln ist inzwischen Thema von Bauausstellungen und Hochschulwissenschaft. Theorie als vorauseilender Gehorsam. Abrisskaution wäre besser.

Leistungslose, exponentielle Vermehrung der privaten Geldvermögen, das bedeutet auch: zu wenig Lehrer und Kindergartenplätze, aber (trotz 1,7 Millionen m2 Büroflächenleerstand in Deutschland) immer neue Verwaltungspaläste. Rundum verglast sehen sie am Polarkreis genauso aus wie am Äquator, hier verschwenderisch beheizt, dort verschwenderisch gekühlt. Brasilianischer Granit nach Berlin und schwedischer Sandstein nach Dortmund. Immer mehr Autobahnen, Straßen und Siedlungen in immer weniger Landschaft, immer größerer Infrastruktur-, Ver- und Entsorgungsaufwand, immer höhere »Neben«kosten. Das alles ist Bedienung des exponentiell steigenden Anlagedrucks mit Kosten, Arbeit, Energie und Landschaft (und mit Firmenpleiten aufgrund der viel zu dünnen Eigenkapitaldecke der Baubranche). Anders als in den funktionalistischen Frühzeiten gibt es heute Geld im Überfluss – es ist nur bei den falschen Leuten. Exponentielles Geld-System heißt immer: prinzipielles Gegenteil von Städtebau, Vermeidung und Ökologie – allen rosaroten Effizienzaposteln zum Trotz. Nur die verschwenderischen Städte der Nicht-Vermeidung bringen Renditeerwartung. Diese Städte und dieses Bauen erzeugen heute 50 Prozent des Primärenergieverbrauchs, bis zu 70 Prozent der Stoffströme und 120 ha Landschaftsverbrauch täglich.

Die Theorie der Funktionstrennung zeugte die Ideologie des Freistehenden und der Energie-Verlustflächen. Und sie frisst Landschaft: Im Gewerbegebiet stehen die Parkplätze nachts leer und im Wohngebiet am Tage. Im Gewerbegebiet werden riesige, energieverschwendende Flachdächer nicht als großzügige Freisitze genutzt, und im Wohngebiet hocken die Nutzer auf winzigen, angeklebten Balkonen. Im Mansarddach des neobarocken Landgerichts lagern die Akten in Südlage mit Fernblick, im Mietshaus nebenan wohnt der Rentner auf der Nordseite im dunklen Erdgeschoss an der lauten Straße. Und über dem Flachdach des Supermarkts werden vier Geschosse verschenkt, die wir dann in der Landschaft vor der Stadt wiederfinden. Ist das etwa Städtebau?

Rationaler Städtebau müsste deshalb heute vor allem zweierlei vollbringen: er müsste den Ressourcenverbrauch reduzieren und wieder Unverwechselbarkeit herstellen. Bei näherem Hinsehen sind beide Ziele identisch: allein schon eine energiegerechte Architektur wäre eine völlig neue, noch nie dagewesene Architektur. An die Stelle der unsinnigen Symmetrie allseitig umlaufender Ganzglasfassaden, umlaufender Lochfassaden und umlaufenden Sonnenschutzes würde eine aufregende, völlig neue rationale Unsymmetrie treten, für die nicht erst ein irrationaler Dekonstruktivismus bemüht werden müsste: Glas und horizontaler Sonnenschutz auf den Südseiten, bündige, kleinfenstrige Geschlossenheit auf den Nordseiten. Die Vermeidung von freistehenden Verlustflächen würde zu neuen, multifunktionalen, komplexen Gebäudezusammenhängen führen und zu nie gesehenen Architekturformen. Schließlich würden regionale Klima- und Besonnungsverhältnisse und die Reduzierung der Stoff- und Transportströme zu Gunsten von Lebensdauer und lokalen Materialien in eine neue unverwechselbare Regionalität führen. Alle Ökologie ist immer regional differenziert und nur das regional Differenzierte führt in neue Unverwechselbarkeit.

Aber wenn wir doch gar keine Neubaustädte mehr brauchen? Nun – nirgendwo steht geschrieben, dass nicht auch die Totalsanierung unserer vorhandenen Städte in neue, nie gesehene Unverwechselbarkeit führt. Und in ein neues Auftragsvolumen von 680 Milliarden Mark. Wir brauchen keine Neubaustädte, wir beherrschen ihre Planung nicht und die Schlacht um die Energien und Stoffströme wird ohnehin in der Altbausanierung geschlagen, einfach weil zusätzliche Neubauten niemals wirklich Energie sparen können.

All die schönen neuen »Solarstädte« auf der grünen Wiese bringen nichts, zumal wenn sie mit ihren Solarmaßnahmen zuerst einmal die unsinnigen Verlustflächen ihres anachronistischen Aufreihungsstädtebaus kompensieren müssen – Reichow solar sozusagen.

All die schönen Siedlungen aus freistehenden, begrünten Einfamilien-Holzhäuschen bringen nichts, trotz Makramée und Latzhosen. All die Bauausstellungen, auf denen die Besucher kilometerweit zwischen punktuellen Architektur-Leckereien herumgefahren werden, bringen nichts. Und fetzig angeschrägte Mega-Wohntürme und millionenteure Nullenergie-Einfamilienhäuser bringen auch nichts.

Das einzige, das etwas brächte, wäre die beispielhafte, zusammenhängende energetische Totalsanierung eines ganzen vorhandenen Stadtquartiers. Dort müsste man zeigen, wie die Verlustgiebel der Gebäudezeilen und die energieverschwendenden Flachdächer der Gewerbebauten durch sinnvoll ergänzende Neubauten beseitigt werden, möglichst nutzungsneutral und von hoher Lebensdauer. Wie Wohnungsbau auf den Flachdächern der Gewerbegebiete der Wärmekraftkoppelung entgegenkommt, wie man Höfe überglast und Altbauten mit Passivhausstandard und kontrollierter Lüftung versieht und wie man jedes Fleckchen Südfassade und Süddach zur passiven Solarnutzung oder Stromerzeugung heranzieht, damit auch Strom nicht mehr auf der grünen Wiese erzeugt werden muss.

Das wäre dann die erste wirkliche europäische Solarhauptstadt. Sie hätte Vorbildfunktion. Und sie würde bestimmt anders aussehen als alle bisher gesehenen Städte und als andere Solarhauptstädte in Italien oder Norwegen. Warum schaffen wir das nicht im reichsten Land der Erde?

Und was sollen wir dann mit all den ehrgeizigen Architekten machen, die glauben, Avantgardismus lasse sich nur mit Neubaustädten machen? Nun, in den Entwicklungsländern werden sicher auch noch Neubaustädte gebraucht.

  • Stroh

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