Estnisches Nationalmuseum in Tartu

 - Roland Pawlitschko

Das neue Estnische Nationalmuseum befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen, einst größten osteuropäischen Militärflughafens der sowjetischen Luftstreitkräfte in Tartu. Seit dem Ende der russischen Besatzung hat sich auf dem rund 50 ha großen Areal kaum etwas verändert: Auf den Hügeln und Flächen zwischen den Flugzeugstellplätzen gedeihen Flora und Fauna ebenso gut wie in den verfallenden Gebäuden und geborstenen Asphaltpisten. Der 355 m lange und 71 m breite Neubau des Nationalmuseums liegt am Ende einer der beiden Landebahnen und wirkt aufgrund seiner Keilform wie eine gewaltige Startrampe, die in Richtung der Altstadt Tartus aus dem Boden kontinuierlich bis auf rund 15 m Höhe ansteigt.

Estnisches Nationalmuseum in Tartu
© Takuji Shimmura

Das eingeschossige Gebäude verfügt über eine Doppelfassade, die vor allem in den kalten estnischen Wintern die Rolle eines Klimapuffers übernimmt. Die äußere Schicht bildet eine rahmenlose Verglasung, deren Bedruckung mit unregelmäßigen weißen Sternmustern einerseits traditionelle estnische Motive zitiert, andererseits aber auch Sonnenschutzfunktionen übernimmt. Die innere Schicht besteht größtenteils aus geschlossen Wandflächen. Raumhoch verglaste Öffnungen sorgen dafür, das ansonsten eher monolithische Fassadenbild aufzulockern und vielfältige Einblicke ins Gebäudeinnere zu geben, während sich bei abendlicher Beleuchtung ein schemenhaftes Bild der inneren Fassade abzeichnet.

Der Haupteingang präsentiert sich als dreiecksförmig aus der westlichen Schmalseite des Baukörpers ausgeschnittener Vorplatz, der die Besucher wie ein Trichter auf die Eingangstüren zuführt. In seiner Monumentalität erinnert dieser Bereich mit weit auskragendem Dach an einen Flugzeughangar. Zugleich zeugt die hinter einer dunklen Metallgitter-Deckenverkleidung zu erkennende, leichte Stahl-Fachwerkkonstruktion aber auch von einer kleinteiligen Differenziertheit, die auch das gesamte Innere des Gebäudes prägt.

Im ebenso großzügigen wie räumlich durchlässigen Foyer wird schnell klar, dass der Neubau keineswegs nur das Estnische Nationalmuseum mit zwei Dauerausstellungen zur Kulturgeschichte des Landes, sondern auch zahlreiche weitere Nutzungen beherbergt: eine Bibliothek mit Seminarräumen, ein Wechselausstellungsbereich, eine Kunstgalerie, ein Black-Box-Theater, ein Restaurant, ein Café sowie ein Kino- und Konferenzsaal mit Nebenbereichen, die die Ausrichtung von Filmfestivals und anderen Events ermöglichen.

Auf dem Weg zur Hauptausstellung im östlichen Gebäudeteil passieren die Besucher mehrere umlaufend raumhoch verglaste Innenhöfe, die vielfältige Blickbeziehungen quer durch das ganze Gebäude ermöglichen und die extreme Längsausrichtung des Baukörpers fast vergessen machen. Im Bereich des Restaurants, der als Brücke über einen unter dem Gebäude hindurchführenden See angelegt ist, ermöglichen sie Bezüge zu den Freiräumen, während sie im Werkstatt- und Bürobereich der Belichtung der Innenräume und als introvertierte Pausenhöfe dienen.

Am Abend, bei eingeschalteter LED-Beleuchtung in der Doppelfassade, beginnt der Baukörper in verschiedenen Weiß-Tönen zu strahlen. Vor dem Hintergrund des ehemaligen Flughafengeländes erscheint er dadurch als leuchtende Landmarke, die symbolisch für den Aufbruch in eine neue Zeit steht. 

  • Stroh

    Die Professur für Kreislaufgerechten Holzbau am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) präsentiert dieses umfassende Nachschlagewerk zum nachhaltigen Bauen mit Stroh. Stroh bietet großes Potenzial für eine klimagerechte Baukultur: Es ist regional verfügbar, kostengünstig, CO2-speichernd und vollständig kreislauffähig. Die Publikation vermittelt Wissen über konstruktive, rechtliche und gestalterische Möglichkeiten auf nachvollziehbare, kritisch reflektierte und praxisnahe Weise. Sie dokumentiert Ergebnisse aus Lehre und Forschung, beleuchtet realisierte Projekte und zeigt konstruktive Prinzipien, Detaillösungen sowie gestalterische Potenziale. Hochwertige Fotografien, Pläne und Grafiken vermitteln die Inhalte anschaulich.